Startseite Neue Heimat: Von Wanne-Eickel an die Küste
„Ich kriege manchmal Geld dafür, wenn ich nicht spiele. Das ist schon so ein Running Gag“, sagt Michael Grimberg und lacht. Meistens ist es allerdings umgekehrt: Wo er auftaucht, ist die Gitarre nicht weit. Sie hängt über seiner Schulter, liegt im Auto oder lehnt an der Bank vor dem Haus. Musik ist sein Türöffner – und hat ihm geholfen, im Norden schnell anzukommen.
Der 62-Jährige wurde in Wanne-Eickel geboren, hat drei erwachsene Kinder und war fast 30 Jahre im Dienst der Stadt Herne. Erst im Sozialamt, später im Jugendamt. Grimberg hat ein typisches Ruhrgebietsleben geführt, beruflich bodenständig, privat der Musik verschrieben.
Dann kam Corona und mit der Pandemie nahm der lang ersehnte Wunsch, ans Meer zu ziehen, konkrete Form an. „Meine Kinder lebten ohnehin verstreut – Teneriffa, Bodensee, Kiel. Da habe ich gedacht: Wenn alle woanders sind, kann ich auch noch mal neu anfangen.“
Mit 58 bewirbt er sich noch einmal, wechselt zur Landeskirche Hannover, zuständig für Stade, mit Büro in Bremerhaven. In Wremen findet er eine Wohnung, die kaum symbolträchtiger sein könnte: ein Haus mit dem Namen „Freiheit“ in der Straße „Am Meer“. „Da wusste ich: Das passt“, sagt er. Am Deich, mit Hund und Gitarre, beginnt sein neues Leben im Norden.
Die ersten Wochen nutzt er, wie er es immer getan hat: Er geht in den Sportverein, denn seit 40 Jahren spielt er Tischtennis. Er läuft mit dem Hund los, bleibt beim Klönschnack stehen, greift zur Gitarre. „Über Sport und Musik lernt man überall Menschen kennen“, sagt er. Das Gefühl, angekommen zu sein, stellt sich schnell ein – erst in Wremen, inzwischen in Mulsum. „Ich bin verbeamtet gewesen und mit 62 in Pension gegangen. Weniger Geld, aber viel mehr Freiheit – das ist ein guter Tausch.“
Mulsum erlebt er als Gegenentwurf zur Großstadt. Sport- und Schützenverein, Knobelabende, Osterfeuer, Feste und jeder kennt jeden. „Wenn einer nicht grüßt, ist es wahrscheinlich ein Tourist“, sagt er und grinst. Er selbst wird rasch zu „unserem Michi“, nicht sein liebster Spitzname, aber gut gemeint und herzlich. Das Klischee vom wortkargen und verschlossenen Norddeutschen? „Kann ich überhaupt nicht bestätigen.“
Seine Gitarre ist dabei mehr als ein Instrument. Es ist ein Türöffner. „Musik ist für mich alles“, sagt Grimberg. „Singen ist emotionales Reden.“ Die richtige Melodie, ein Text, der berührt – schon kippt die Stimmung vom Lächeln in Gänsehaut.
Etwa 36 eigene Songs hat er geschrieben, tritt beim Sommerkonzert im Café Dahl auf, beim Leuchtturmfest, spielt spontan auf Bänken, am Deich, auf Festen. Oft reicht ein Akkord, und die Leute bleiben stehen, heben den Daumen, schenken ihm ein Lächeln oder drücken ihm ein paar Cent in die Hand. „Ich mache das nicht fürs Geld – außer, wenn ich dafür bezahlt werde, gerade mal nicht zu spielen“, sagt er und lacht wieder.
Neben der Musik ist der Sportverein sein zweites Zuhause. Seit September leitet Grimberg das Tischtennis-Training für den Nachwuchs in Wremen, zweimal in der Woche bringt er Kindern und Jugendlichen bei, wie der Ball über die Platte fliegt. „Es ist großartig zu sehen, wenn Kinder plötzlich etwas können, was vorher nicht klappte“, erzählt er. Ein Vater habe ihm neulich gesagt, wie viel sein Sohn in kurzer Zeit gelernt habe. „Ich gebe nur weiter, was andere mir vermittelt haben. Die Entwicklung zu sehen, ist einfach wunderbar.“
Dazu kommt sein Engagement für den Kinderhilfsfonds „Elpida – Hoffnung für Kinder“, eine private Initiative, die seit Jahren Kinder in der Gemeinde Wurster Nordseeküste unterstützt. Wenn Familien in Not geraten oder Einrichtungen Hilfe benötigen, springt Elpida schnell und unbürokratisch ein. Grimberg bringt hier seine Erfahrung aus Verwaltung und Rechnungsprüfung ein. „Das Herzblut der Gründerinnen und Gründer beeindruckt mich sehr“, sagt er. Auch hier gilt: Gemeinschaft, nicht große Bühne.
Was andere Zugezogene von ihm lernen können? „Man muss offen auf Menschen zugehen und darf nicht warten, bis jemand anklopft“, sagt Grimberg. Vereinsleben, Musik, der kurze Schnack im Laden – für ihn sind das die Schlüssel. „Wenn man freundlich und interessiert bleibt, öffnen sich die Türen fast von selbst.“
Und woher nimmt er die Kraft für Musik, Sport, Ehrenamt? „Ein Teil kommt aus meiner Familie: Humor und Herz waren immer unser Motto“, sagt Grimberg. „Der Rest kommt von den Menschen – aus den Begegnungen, der Musik, den Geschichten, die daraus entstehen.“ Dann greift er wieder zur Gitarre. Dieses Mal spielt er nur für sich selbst.