Von Texas zurück an die Weser

Carmen von See lebte zwei Jahrzehnte in Texas, doch Bremerhaven blieb: Postkarten von Hafen, Leuchtturm und Weihnachtsmarkt hingen an der Wand. Den deutschen Pass gab sie nie ab. Vor 15 Jahren kehrte sie zurück und hat ihre Berufung gefunden.

Es gibt Bilder, die ein ganzes Leben erzählen. Bei Carmen von See ist es eine Collage aus Postkarten, die zwei Jahrzehnte lang an einer Wand in Texas hing. Die Motive: der Leuchtturm, der Hafen, die Strandhalle und der Weihnachtsmarkt. Allesamt Zeugen einer tiefen Verbundenheit mit Bremerhaven. 20 Jahre lebte sie im fernen Amerika, doch ihre Heimat trug sie immer bei sich. „Wenn ich so ein bisschen Heimweh verspürt habe, schaute ich das Bild an“, erzählt die 53-Jährige. Es war immer mehr als nur ein Rahmen mit Postkarten: Es war ihr täglicher Anker in einer Welt, die nicht ganz die ihre werden sollte.

Aufgewachsen in Bremerhaven, verbrachte sie hier ihre Jugend, spielte Handball, fuhr mit dem Rad durch die Stadt und erlebte die „wilden Jahre“ auf der Partymeile „Alte Bürger“. Dann kam die Liebe und mit ihr der Umbruch.

Nach dem Fall der Berliner Mauer wurden die US-Truppen auch aus der Seestadt abgezogen, und ihr amerikanischer Freund musste zurück in die Staaten. Die Entscheidung war schnell gefallen. „Wollen wir denn nicht heiraten?“, fragte er. Wie viele Paare in dieser Zeit heirateten sie kurzerhand in Dänemark, weil es schneller und unbürokratischer war.

Mit 19, kurz vor dem Abitur, folgte sie ihm nach Texas. Gegen den Rat ihrer Eltern. „Das wird nichts“, hatten sie prophezeit.

Carmen von See blieb 20 Jahre. Sie baute sich ein Leben auf, arbeitete sich von der Fast-Food-Managerin bis zur Geschäftsführerin hoch und passte sich an. Doch eine Grenze zog sie klar und deutlich: Sie wurde nie Amerikanerin und behielt immer ihren deutschen Pass. „Ich wollte nie eine Fremde im eigenen Land sein, sollte ich mal zurückkehren“, erklärt sie bestimmt. Stattdessen pflegte sie ihre Wurzeln: Weihnachten wurde am 24. Dezember gefeiert, und wenn ihr Bruder zu Besuch kam, brachte die „German Connection“ Haribo und Schwarzbrot mit.

Die größte Sehnsucht aber galt immer der Küste. Um diese innerhalb von Texas zu erreichen, musste sie einiges auf sich nehmen. Sechs Stunden dauerte damals die Fahrt nach Galveston, nur um den Geruch von Seeluft und Möwen einzuatmen. „Das hat dann an Bremerhaven erinnert“, sagt sie.

Vor 15 Jahren war dann die Zeit in Texas vorbei. Ihr amerikanisches Zuhause ließ sie zurück, aber die Heimkehr fiel ihr auch erstaunlich leicht. „Das war einfach so, ich mache das mal eben“, beschreibt sie den Entschluss.

Zurück in Bremerhaven fand sie nicht nur schnell wieder Anschluss, sondern auch ihren neuen Beruf – ihre Berufung: im Deutschen Auswandererhaus. Hier, wo unzählige Schicksale von Abschied und Ankunft aufeinandertreffen, ist sie als zweisprachige Gästebetreuerin für Menschen aus aller Welt die perfekte Besetzung. Und die Arbeit weckte eine neue Leidenschaft in ihr: die Ahnenforschung.

Dieses Hobby führt zu unerwarteten Begegnungen. Carmen von See tauchte in die Familiengeschichten von Ex-Kanzlerin Angela Merkel, Schauspieler David Hasselhoff und dem Sänger und Produzenten Billy Joel ein. Zwar nur im Auftrag, aber einmal recherchiert sie für einen Besucher, ohne zu ahnen, wer persönlich vor ihr steht: Jerry Brown, der damalige Gouverneur von Kalifornien. „Ich wusste nicht, wer er war“, erinnert sie sich und lacht. „Erst als ich den Namen später gegoogelt habe, dachte ich: ‚Oh Gott!‘“

Während sie die Wurzeln anderer freilegt, spürt sie auch ihren eigenen nach und findet heraus, dass ihre Vorfahren vermutlich als Deichbauern an der Oste lebten. Daher wohl der adelig-anmutende Name „von See“. Mehr konnte sie bisher nicht herausfinden.

Heute ist Bremerhaven für sie wieder der unumstrittene Lebensmittelpunkt. Sie genießt die ehrliche, manchmal wortkarge Art der Menschen, die Spaziergänge am Deich bei jedem Wetter und die Geselligkeit des Musiksommers. „Bremerhaven ist wie ein Dorf. Man geht irgendwo hin und findet immer jemanden, den man kennt.“ In ihrer Wohnung in Geestemünde hegt sie ihren kleinen Garten. Eine weitere große Leidenschaft, die sie mit Heimat verbindet.

Auch wenn ein Teil ihres Herzens in Texas geblieben ist, wo noch eine enge Freundin lebt, ist ihre Entscheidung klar. Auf die Frage, was die Zukunft bringt, antwortet sie ohne Zögern: „Hier bleiben. Da geht doch nichts drüber.“

Einer der Lieblingsplätze von Carmen von See: Am Hafen oder am Deich genießt sie den Feierabend.