Physician Assistants helfen Ärzten

An der Bremerhavener Hochschule schließt der erste Jahrgang der Physician Assistants das Studium ab. Einige der Arztassistenten haben in der Region schon Jobs gefunden.

Sie gelten als Hoffnung im Kampf gegen den Ärztemangel: Der erste Jahrgang der Physician Assistants beendet in diesen Wochen das Studium an der Hochschule Bremerhaven. Die Bachelorprüfungen finden seit Juni und noch bis Ende September statt. „Wir erwarten ungefähr 25 bis 30 Absolventinnen und Absolventen in diesem Zeitraum“, sagt Professor Dr. Jana Hummel, Studiengangsleiterin und Allgemeinmedizinerin.
Einige der neuen Arztassistenten hätten bereits einen Job gefunden, teilweise im Land Bremen und in Niedersachsen. Einige gingen auch in ihre Heimatorte zurück. „Einzelne bekamen auch Absagen, meist wegen der finanziell angespannten Situation der Kliniken“, sagt Hummel. „Die Mehrheit findet aber einen Job.“
In einigen Krankenhäusern gebe es bereits Stellen für Physician Assistants, die Ärzte bei ihrer Tätigkeit unterstützen sollen. Häufig sollten sie dort eingesetzt werden, wo Arztstellen unbesetzt blieben. „Derzeit ist das noch am häufigsten im operativen Bereich und in der Notfallmedizin der Fall“, sagt Hummel. „Es zeigen aber immer mehr Fachgebiete und ambulante Praxen Interesse – bei uns im Raum Bremerhaven und Bremen auch durch das Kennenlernen der Studierenden und des Berufsbildes während der beiden Praxissemester.“
Aus ihrer Sicht werden die Physician Assistants Ärzte viel im Bereich der Bürokratie entlasten können. Dazu gehören Arztbriefe, Dokumentation, Anmeldungen, Koordination der Versorgung sowie Abrechnungen. Sie könnten aber auch bei Anamnesegesprächen, Erhebung des Ganzkörperstatus, Visiten und Diagnostik eingesetzt werden und dem Arzt, der die Verantwortung trägt, die Ergebnisse zusammenfassen. Der Mediziner könne sich dann auf die Problembereiche konzentrieren. „Ebenso können sie in der Anästhesie- oder OP-Assistenz Personalmangel abfedern“, betont Hummel.
Auch in Arztpraxen können die Physician Assistants (PA) laut Hummel sehr gut eingesetzt werden, „selbst wenn es noch keine spezifische Abrechnungsmöglichkeit gibt. Das Betätigungsfeld ist umfassend: von Sprechstunden, Anamneseerhebung über Diagnostik zu Hausbesuchen ist unter Supervision alles möglich. Das kann so weit gehen, dass beispielsweise in Erkältungszeiten Arzt und PA parallel Sprechstunde halten, der PA die ,einfachen Fälle‘ sieht und bei Bedarf Rücksprache mit dem Hausarzt hält. Es gibt auch schon Praxen, die Zweigpraxen in unterversorgten Gebieten über PAs laufen lassen – mit dem Arzt im Hintergrund als Videosprechstunde bei Bedarf.“
Es gibt aber auch noch Startschwierigkeiten: „Ungeklärt sind die Höhe der Bezahlung und der rechtliche Status“, sagt Hummel. Es gebe aber ein großes Potenzial, die ambulante Versorgung durch den Einsatz der Arztassistenten zu verbessern, wenn die rechtlichen und finanziellen Unsicherheiten ausgeräumt seien.
Das Klinikum Reinkenheide sucht aktuell einen Physician Assistant für die Notaufnahme (ZNA). „Durch die Einbindung von Physician Assistants können ärztliche Teams in unserer ZNA entlastet, Abläufe optimiert und Wartezeiten reduziert werden“, sagt die medizinische Geschäftsführerin, Dr. Susanne Kleinbrahm. „Die Integration dieser neuen Berufsgruppe bietet uns die Chance, Qualität und Kontinuität der Patientenversorgung noch weiter zu stärken. Gleichzeitig können sie sehr gut als Bindeglied zwischen ärztlichem Dienst, Pflegepersonal und weiteren Berufsgruppen fungieren.“
Physician Assistants träfen zwar Entscheidungen, diese müssten jedoch im Rahmen der ärztlichen Weisung erfolgen. „Physician Assistants führen keine eigenständigen operativen Eingriffe durch, stellen keine Rezepte aus, ordnen keine Medikamente selbstständig an, führen keine ärztlichen Aufklärungen durch und verordnen auch keine Heilmittel“, betont Kleinbrahm. Die Gesamtverantwortung bleibe beim behandelnden Arzt.
Der ehemalige Chefarzt der Hautklinik in Reinkenheide, Dr. Gunnar Wagner, schlägt vor, im Kampf gegen den Ärztemangel den Studiengang Physician Assistant zu einem Medizinstudium auszubauen. „Die Hochschule Bremerhaven verfügt über eine organisatorische Infrastruktur, die einer Universität in nichts nachsteht“, betont Wagner. „Die Unterscheidung zwischen Universität und Hochschule ist inhaltlich längst überholt.“
In Bremerhaven gebe es zwei akademische Lehrkrankenhäuser, die Studierenden für andere Universitäten ausbilden. „Im Klinikum Reinkenheide verfügt eine Vielzahl der Chefärzte über eine Lehrbefugnis“, sagt Wagner. Als Standort eigne sich etwa das ehemalige Ameos-Klinikum Mitte, regt Wagner an und betont: „Ameos verfügt bereits über Erfahrungen mit dem Betrieb einer medizinischen Fakultät.“
Auch Hummel könnte sich eine Weiterentwicklung als Modellstudiengang gut vorstellen. Die Erfahrung in der medizinischen Lehre sowie die Infrastruktur der Hochschule mit dem Praxislabor könnten dafür genutzt werden. Personal und Ausstattung müssten an erforderliche Kapazitäten angepasst werden.

Der Studiengang Physician Assistant der Hochschule Bremerhaven bietet praxisnahe Ausbildungsmöglichkeiten, wie Studienleiterin Prof. Jana Hummel (links) mit der Studienpatin Hicret Sakinmaz zeigt. Mit Gewicht, Bandagen und Brillen wird man hier zum eingeschränkten Senior. Studierende sollen nachempfinden, wie es alten Menschen mit körperlichen Einschränkungen ergeht.