Startseite Azubi-Boom trotz der Flaute
Der deutsche Ausbildungsmarkt zeigt eine angespannte und rückläufige Entwicklung. Laut den Daten des Statistischen Bundesamtes und des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) sank die Zahl der neu abgeschlossenen dualen Ausbildungsverträge im Jahr 2025 um rund 2,1 bis 2,8 Prozent auf etwa 462.000 bis 476.000 Verträge.
Die Seier Gruppe mit ihrem Hauptsitz in Dorum begegnet dem Bundestrend: Nach 90 neuen Ausbildungsverträgen im vergangenen Jahr hat der Unternehmensverbund zum 1. August um fast 30 Prozent gesteigert. 115 Auszubildende und dual Studierende hat die Seier-Gruppe eigenen Angaben zufolge eingestellt. Damit absolvieren zurzeit 252 junge Menschen eine Ausbildung oder ein duales Studium in der Unternehmensgruppe.
Eine von ihnen ist Ronja Reinsdorf. Die Dorumerin hat sich für eine Ausbildung zur Industriekauffrau bei der Seier Holding entschieden. „Auf Seier bin ich durch Freunde und meine Familie aufmerksam geworden“, erzählt die 16-Jährige. Auch auf Instagram habe sie einiges über Seier gefunden. Das erste Gespräch nach der Bewerbung fand über Teams statt. „Dabei hatte ich gleich ein gutes Gefühl.“
Der 18-jährige Younus Hasareh aus Nordholz berichtet von einem „unglaublichen Glücksgefühl“, als er die Zusage erhielt, bei Wähler in Dorum zum Elektroniker für Energie- und Gebäudetechnik ausgebildet zu werden. Auf das Unternehmen sei er durch die Berufsberatung an den BBS Cuxhaven aufmerksam geworden.
Nach der Bewerbung habe er drei Tage zur Probe gearbeitet. „Nach diesen drei Tagen bekam ich die Zusage, dass ich meine Ausbildung bei Wähler machen kann.Ich war unglaublich glücklich, endlich einen Ausbildungsplatz gefunden zu haben. Jetzt möchte ich dreieinhalb Jahre hart arbeiten und mich durch die Ausbildung kämpfen.“
Tim Cordes aus Bremervörde wurde durch seine Familie auf die Unternehmensgruppe aufmerksam. Nach einem Schulpraktikum war er sich sicher, dass der Arbeitgeber der richtige für ihn ist. Seit 1. August absolviert er eine Lehre zum Land- und Baumaschinenmechatroniker bei Wähler in Bremervörde. „In den vergangenen drei Wochen durfte ich schon unglaublich viel machen“, erzählt der 17-Jährige. „Besonders cool fand ich, dass wir an einem Firmenwagen einen Dachträger angebaut haben. Ich habe in der kurzen Zeit schon so viel erlebt und gelernt, dass ich gar nicht alles aufzählen kann.“
Neben Tim Cordes und den anderen 114 neuen Azubis beschäftigt die Seier-Gruppe rund 2000 Mitarbeiter an mehr als 30 Standorten. Zu ihr gehören die Unternehmen WÄHLER, KUHLMANN, BHK, MUDCON, DATACON, CRAFTCOM und IBV. Der Schwerpunkt der Gruppe liegt im Infrastrukturbau. Die Unternehmen arbeiten unter anderem in den Bereichen Energie-, Wasser- und Telekommunikationsversorgung.
Die Ausbildung bei der Unternehmensgruppe umfasst insgesamt 26 Berufe. Zum 1. August starteten die neuen Auszubildenden und dual Studierenden in zwölf davon. Das Spektrum reicht vom Tief- und Rohrleitungsbau über Industrieelektrik und Vermessungstechnik bis hin zu IT, Logistik und kaufmännischen Tätigkeiten.
Für manche endet die berufliche Entwicklung nicht mit dem ersten Abschluss. Mohamed Reda Salami hat bei Wähler in Bremervörde bereits eine Ausbildung zum Tief- und Rohrleitungsbauer abgeschlossen und setzt nun eine weitere Qualifikation drauf: Der 21-Jährige lässt sich zusätzlich zum Industrieelektriker ausbilden. „Wähler hat mir diese Möglichkeit angeboten. Außerdem besteht dadurch die Chance, später als Kombimonteur in verschiedenen Bereichen zu arbeiten. Dadurch ist man breiter aufgestellt und kann einen höheren Stundenlohn erreichen.“
Auch die Unterstützung während der Ausbildung sei für ihn ein wichtiger Faktor. „Wenn es Probleme gibt, kann man jederzeit den Ausbilder ansprechen. Man fühlt sich nie alleingelassen. Wenn man in der Berufsschule einmal nicht weiterkommt, besteht sogar die Möglichkeit, an einem zusätzlichen Tag bestimmte Inhalte zu lernen.“
Die Unternehmensgruppe begründet den Ausbau ihres Ausbildungsangebots mit dem wachsenden Bedarf an qualifizierten Fachkräften. Dieser entstehe unter anderem durch das zunehmende Großprojektgeschäft sowie die steigenden Anforderungen an eine sichere Energie-, Wasser- und Telekommunikationsversorgung. Bereits während ihrer Ausbildung oder ihres dualen Studiums sollen die Nachwuchskräfte Verantwortung in Bauprojekten und Verwaltungsbereichen übernehmen.
Wie dieser Praxisbezug konkret aussieht, zeigen zwei Beispiele aus Bremerhaven. Leon Dähnenkamp hat bei der BHK Tief- und Rohrbau GmbH & Co. KG eine Ausbildung zum Rohrleitungsbauer begonnen. Auch er hat sich nach einem Praktikum für den Beruf entschieden. „Mich hat vieles an dem Beruf interessiert, vor allem die Infrastrukturtechnik.“ In den ersten Wochen seiner Ausbildung sei er unter anderem auf einer Fernwärme-Tiefbaustelle im Einsatz gewesen. Was den 19-Jährigen gleich zu Beginn beeindruckt habe: „Dass ich gleich mit Maschinen arbeiten durfte.“
Auch für den Abiturienten Max Alexander Brajninger aus Bremerhaven spielt praktische Erfahrung eine wichtige Rolle. Er hat sich für ein duales Studium zum Bauingenieur bei der BHK Tief- und Rohrbau GmbH & Co. KG entschieden und absolviert dort seit Anfang August ein Vorpraktikum. „Ich wurde einer Kolonne zugeteilt und bin sehr zufrieden. Ich habe das Gefühl, dass mir zugehört wird und ich unterstützt werde.“
Das duale Studium biete ihm den Vorteil, dass er bis zum Bachelorabschluss in den Berufsalltag eintauchen und verschiedene Aufgaben kennenlernen könne. „Die finanzielle Unterstützung ist zwar ein Gewinn, war aber nicht der Hauptgrund für meine Entscheidung. Mir ist vor allem wichtig, dass ich nach dem Studium praktische Erfahrungen vorweisen kann und den Beruf nicht nur aus der Theorie kenne.“
Bei BHK gehört Max Alexander Brajninger zu den ersten beiden dualen Studenten. Nach Angaben des Unternehmens absolvieren inzwischen insgesamt 29 junge Frauen und Männer ein duales Studium in der Seier Gruppe – die meisten im Bauingenieurwesen. „In der Seier Holding ist das Feld gemischter – hier haben wir dual Studierende in den Bereichen BWL, Marketing Management und Online-Marketing“, erklärt Personalreferent Dennis Bargemann.
Ihre hohen Ausbildungszahlen erreicht die Seier Gruppe nach Auskunft Bargemanns durch eine Kombination aus breitem Ausbildungsangebot, authentischer Ansprache und persönlichem Kontakt. Zugleich profitiere die Gruppe davon, dass junge Menschen wieder stärker die guten Verdienstmöglichkeiten im Handwerk erkennen.
Um Schulabgänger auf sich aufmerksam zu machen, setzt die Unternehmensgruppe beispielsweise auf Social-Media-Videos für Instagram, Facebook und TikTok. Darin berichten eigene Auszubildende authentisch aus ihrem Arbeitsalltag und greifen – etwa mit Begriffen aus der Gamingwelt – die Lebenswelt junger Menschen auf. Ergänzt wird die digitale Werbung durch Ausbildungsmessen, Bewerbungstrainings an Schulen im Elbe-Weser-Dreieck und persönliche Gespräche.
Der Trend bei den angehenden Azubis weise mehr und mehr in Richtung Online-Bewerbung. „Ich würde fast sagen, dass wir bei über 90 Prozent Online-Bewerbungen sind“, berichtet Bargemann. Doch auch diese seien nicht immer klassisch geschrieben: Bei Jugendlichen, die ein Praktikum in der Unternehmensgruppe absolviert haben, werde häufig auf eine Bewerbung verzichtet.
In fast 90 Prozent der Fälle münde das Praktikum in den Betrieben der Seier Gruppe anschließend in eine Ausbildung. „Der Kontakt auf Augenhöhe – vom ersten Gespräch an per Du – schafft zusätzlich Vertrauen“, sagt Bargemann. Auf diesem persönlichen Weg will die Unternehmensgruppe auch künftig Nachwuchs gewinnen: Für 2027 plant sie nach eigenen Angaben erneut mit einer ähnlich hohen Zahl an Auszubildenden und dual Studierenden.