Aus Frankfurt in die neue Heimat Bremerhaven

Hafenblick statt Bankenhochhaus: Judith Zimmermann ist seit dem 1. Januar 2025 Pressesprecherin des Deutschen Auswandererhauses und entdeckt Bremerhaven zwischen Sprachgefühl, Industriebrüchen und der norddeutschen Idylle.

Heimat ist ein Gefühl, ein Klang, manchmal sogar ein Küchengerät. Für Judith Zimmermann, seit dem 1. Januar 2025 Pressesprecherin des Deutschen Auswandererhauses, ist es eine Mischung aus allem. Ihr Weg nach Bremerhaven war kein geradliniger, sondern einer mit vielen Stationen. Er hat sie nun an die Küste geführt, in eine Stadt, die sie langsam für sich entdeckt.

Bei der Bewerbung auf die Stelle im Auswandererhaus war ihr Gedanke: „Schauen wir mal“, erzählt die gebürtige Aachenerin. Doch schon im Vorstellungsgespräch stellte sich ein Gefühl ein: „Ach, das passt irgendwie.“ Gleichzeitig meldete sich eine andere Stimme im Kopf: „Ui, jetzt muss ich nach Bremerhaven ziehen.“ Dieser Gedanke war zunächst ein kleiner Schreck, doch das gute Gefühl hat sich bestätigt. Die längste Zeit vor ihrem Umzug in den Norden lebte sie in Frankfurt am Main, wo sie die Öffentlichkeitsarbeit für ein Orchester verantwortete. Es ist ihre erste „norddeutsche Experience“, wie sie lachend anmerkt.

Der rote Faden in ihrem Lebenslauf ist die Vermittlung. Nach dem Studium der Literaturwissenschaften begann sie mit Sprachvermittlung, unterrichtete Deutsch als Fremdsprache und war lange für das Goethe-Institut tätig. An einer Gestaltungshochschule kam später das Visuelle hinzu. Im Deutschen Auswandererhaus, so sagt sie, „bemühe ich mich, beides zusammenzubringen.“ Ihr Arbeitsweg führt sie täglich am Hafen entlang, ein Anblick, der sie immer noch staunen lässt: „Es ist das Gefühl, ich habe hier einen komischen Urlaub gebucht.“

Ihre Entdeckungstouren mit dem Fahrrad durch die neue Stadt führen sie an besondere Orte. Einer davon liegt für sie dort, wo die letzten Containerbrücken auf das offene Meer treffen. „Dieser Bruch von so einem enormen Industriegebiet, wie ich es auch noch nie gesehen habe, zu so einer norddeutschen Idylle. Das finde ich ganz großartig, diese Bruchstelle.“ Außerdem zählt für sie der Wochenmarkt in Geestemünde zu den schönsten Orten in Bremerhaven. „Für mich ist der Markt weit mehr als nur ein Ort zum Einkaufen. Er ist ein Stück Lebensqualität und ein fester Bestandteil meines Wochenendes“, erzählt sie begeistert.

Das Konzept der Heimat selbst ist für Zimmermann vielschichtig. Es ist an Klänge und Sprachen gebunden. „Wenn ich in meine Herkunftsgegend zurückfahre, wo ich, seit ich 18 bin, nicht mehr wohne, und diesen rheinischen Singsang höre, geht mir immer das Herz auf“, erzählt sie. Genauso prägend war ihre Zeit in Frankreich, wo sie einen Teil ihres Studiums verbrachte und später knapp zwei Jahre lebte. An die norddeutsche Ausdrucksweise, die im Vergleich zum Französischen oder dem rheinischen Singsang „etwas schroff klingt“, muss sich ihr Ohr erst noch gewöhnen. Genauso wie an das „Moin“. „Ich sage immer brav zurück: Guten Morgen und das ist falsch“, lacht sie.

Eine ihrer prägendsten Stationen war ein Projekt für die Robert-Bosch-Stiftung in Frankreich. Als Fahrerin des „Deutschmobils“ tourte sie durch das Land, um französischen Schülerinnen und Schülern ein positives, modernes Deutschlandbild zu vermitteln und sie für die deutsche Sprache zu begeistern. „Das war eine sehr eindrückliche Art und Weise, ein Land kennenzulernen“, erinnert sie sich. Das ständige Unterwegssein habe das Heimatgefühl zwar nicht vereinfacht, doch selbst das Auto wurde zu einer Art Zuhause.

Ein handfestes Stück Heimat reist jedoch immer mit, egal, wohin es geht: das Waffeleisen ihrer Großmutter. „Ich glaube, es ist das erste elektrische Waffeleisen, was es gab“, sagt sie, „Es ist zwar fürchterlich umständlich, weil es so schwer ist und den Stromverbrauch einer Kleinstadt hat, aber es macht unschlagbare Waffeln. Das Rezept dazu gibt es auch noch.“ Einmal im Jahr, wenn es gemütlich werden soll, kommt es zum Einsatz.

Im Deutschen Auswandererhaus fühlt sie sich bereits sehr zu Hause. Die Atmosphäre beschreibt sie als die eines „kleinen gallischen Dorfs“, einer „Ersatzfamilie“, die durch die Sinnhaftigkeit der gemeinsamen Arbeit verbunden ist. Und Bremerhaven? Nach einem anfänglichen „Anfangsschreck“ bei der Wohnungssuche findet sie die Stadt mittlerweile einfach nur spannend. „Sie ist nicht so geleckt und nicht so satt, von allen Dingen, sondern ehrlich und ein wenig verwirrend und das macht es aber aufregend“, erzählt sie. Judith Zimmermann ist gewillt und motiviert, hier ihr neues Zuhause zu finden, zwischen Containerbrücken, dem Klang des Nordens und dem Duft von frisch gebackenen Waffeln.

Judith Zimmermann ist gerne auf dem Wochenmarkt in Geestemünde zum Einkaufen und Schlendern.