Seestadt-Forscher beim nächsten Arktis-Abenteuer

Die „Tara“ ist eine kleine Forschungsplattform, die mit dem Eis monatelang durchs Nordpolarmeer treiben soll. Das AWI ist wieder dabei.

Bis 2046 soll sich die kleine, französische Forschungsplattform „Tara“ zehnmal ins Eis wagen und mit ihm durchs Nordpolarmeer treiben (driften). Das internationale Team an Bord will mit dieser einmaligen Expeditionsserie wichtige Erkenntnisse sammeln, wie sich die Arktis im Klimawandel verändert. Ganzheitlich. Über verschiedene Forschungsdisziplinen hinweg.
Die Ausdehnung des arktischen Meereises nimmt immer weiter ab. Nicht umsonst starten Dr. Marcel Nicolaus aus Bremerhaven und seine Kollegen am Alfred-Wegener-Institut (AWI) ihr Meereis-Portal im Internet mit dem Zusatz „Logbuch einer schwindenden Welt“. Nicolaus gehört zu den AWI-Mitarbeitern, die auf der Tara Polar Station durch die Arktis mit driften werden. Bei ihnen ist das Meereis mit all seinen Facetten im Fokus. Mit „Tara“ bekommen sie einen Zugang zum zentralen Nordpolarmeer auch im arktischen Winter.
Nicolaus hat den Spezialbau der privaten französischen Stiftung Tara Ocean schon bei seiner jüngsten Arktis-Expedition „Contrasts“ 2025 mit dem Forschungseisbrecher „Polarstern“ ins Eis geleitet. Zur Generalprobe. Nun ist Nicolaus in die Vorbereitungen von „Tara Polaris I“, die im übertragenen Sinne an das Computerspiel Tetris erinnern, eingebunden. „Wir überlegen gerade, wie wir das ganze Equipment in das Schiff bekommen“, sagt Nicolaus.
Denn der Platz auf der „Tara“ ist begrenzt – kein Vergleich zum Forschungseisbrecher „Polarstern“. Die driftende Basis ist oval, 26 Meter lang und 16 Meter breit , mit Platz für bis zu 18 Personen, dazu kommen Labore, Brücke, Kombüse und Messe, Maschinenraum und einiges mehr. Die Forschungsinstitute können sich mit ihren Projekten „einmieten“.
Das AWI bringt einen Tauchroboter mit, genannt „Ann“, ähnlich dem „Beast“ bei der MOSAiC-Expedition. Er wird mitten in der „Tara“ durch einen sogenannten Moonpool ins Wasser gelassen und ermöglicht verschiedene Untersuchungen unter dem Eis, nimmt Proben, misst wichtige Parameter, filmt, fotografiert, kann ein Netz durchs Wasser ziehen.
Die Besatzung wird das kleine Kunststück vollbringen müssen, mehr als ein Jahr auf engstem Raum und in der Abgeschiedenheit der Nordpolarregion (samt Polarnacht) gut miteinander auszukommen. Aussteigen und Abstand gewinnen, ist kaum möglich. Im Notfall müssen sich die Expeditionsteilnehmer im Zweifel selbst helfen. Eine Ärztin oder ein Arzt wird an Bord sein. Nicolaus: „Ich glaube, dass man mit einem Team, das gut zusammenarbeitet, viel erreichen kann.“
Anders als ursprünglich gedacht, soll die Drift in drei Abschnitte unterteilt und die Crew ausgetauscht werden. Nicolaus ist in der zweiten Gruppe im Frühjahr an der Reihe. Wie der Austausch vonstatten gehen soll, daran wird noch getüftelt. „Im Moment planen wir mit Flugzeugen“, sagt Nicolaus.
Die „Tara“ wird zum Start eine Meeresregion weit nördlich der sibirischen Küste ansteuern. Wenn sie im Eis festfriert, werden gewaltige Eismassen gegen sie pressen.
Die Konstrukteure haben ihr einen schüsselartigen Rumpf aus zwei Zentimeter dickem Aluminium verpasst, damit sie nicht zerquetscht, sondern aus dem Eis gehoben wird. Anfang des Sommers 2027 soll sie irgendwo zwischen Grönland und Spitzbergen in der Fram-Straße wieder „ausgespuckt“ werden.

Die „Polarstern“ hat die „Tara“ bei ihrer Testreise ins arktische Eis geleitet.